Die Rechnung ist einfach: In die drei Kirchen der Pfarrgemeinde St. Peter und Paul in Velen kommen Heilig Abend und am ersten Weihnachtsfeiertag jedes Jahr etwa 4.500 Menschen. Um ihnen in diesem Jahr unter Berücksichtigung der Corona-Regeln ausreichend Platz zu schaffen, müsste das Gottesdienstangebot von zwölf auf mehr als 30 Messen erweitert werden. Zeitlich und personell ist das für alle Beteiligten nicht zu schaffen.

Was tun in einer dörflichen Pfarrgemeinde, in der die etwa 11.000 Katholiken annähernd 90 Prozent der Einwohner stellen. „Wir müssen nach draußen.“ Das stand für das Seelsorge-Team um Pfarrer Marin Limberg von Beginn der Weihnachtsplanungen an fest. Aber der große zentrale Gottesdienst mit mehreren hundert Teilnehmern auf dem Marktplatz kam nicht in Frage. „Wenn 500 Menschen kommen und nur einer von ihnen das Virus hat, können wir schnell das ganze Dorf in Quarantäne schicken“, rechnet Limberg vor. „Sie gehen nach Hause und machen an den Feiertagen Verwandtenbesuche.“ Der Weihnachtsgottesdienst als Superspreader-Event – das wollten sie unbedingt vermeiden.

Jeder kann Gottesdienst feiern

Also planen sie nun kleine Feiern mit wenig Teilnehmern. Wer aber aus dem Team soll sie organisieren und begleiten? „Keiner“, sagt Limberg. „Das können die Menschen aus Velen selbst machen – jedem Getauften ist das möglich.“ Der Aufruf dazu läuft bereits in den sozialen Netzwerken und findet große Resonanz. „Wir rechnen mit bis zu 40 Angeboten überall im Pfarrgebiet.“ Auf der Straße, auf dem Hof, im Garten – oder auch in der Kleingruppe in den heimischen vier Wänden. Bei der ersten Vorstellung während eines Informationsabends im Pfarrheim gab es spontanen Applaus und die ersten Teilnehmer meldeten ihr Interesse an.

Sorgen, dass es eher wie auf dem Weihnachtsmarkt zugeht als in einem Gottesdienst, macht sich Limberg nicht. „Die Menschen hier haben alle ein Gespür, worum es in der heiligen Nacht geht – das Weihnachtsevangelium und die klassischen Kirchenlieder werden nirgendwo fehlen.“ Ob sie dabei um einen Feuerschale vor einer Garage stehen oder nach dem Kaffeetrinken um den privaten Küchentisch sitzen, spiele keine Rolle. „Dadurch wird es nicht oberflächlich.“

Material gibt es online

Natürlich gibt es auch Hilfestellung. Das Team hat Material gesammelt und wird es bald auf der Internetseite www.weihnachten-pup.de zur Verfügung stellen. Dort werden später auch die Orte und Zeiten der Gottesdienste zu finden und Anmeldungen möglich sein. Die Pastoralreferenten sind zudem an Heiligabend zu erreichen, wenn Unterstützung gebraucht wird. Geplant ist zudem eine Aussendungsfeier für die Organisatoren am Nachmittag des 24. Dezembers. Sie sollen dann mit dem Friedenslicht aus Bethlehem zu ihren Angeboten aufbrechen. Der Spielraum für die Organisatoren soll aber groß bleiben. „Ich habe viel Vertrauen, dass die Menschen ihn kreativ füllen werden.“

Mit der Idee seien die Velener nah am Geschehen der heiligen Nacht, sagt Limberg. „Auch wenn es vielleicht kalt ist und regnet – Jesus wurde auch draußen in der Kälte geboren.“ Limberg selbst wird kaum Zeit haben, dabei zu sein. Denn die Anzahl der Gottesdienst in den Kirchen wurde zusätzlich erhöht. „Ich stehe von 16 bis 22 Uhr am Altar und beginne am Tag darauf wieder um sechs Uhr.“

Wie die Hirten auf dem Feld

Ein wenig traurig ist er schon, dass er die Outdoor-Angebote in seiner Gemeinde nicht selbst miterleben kann. „Gerade zu Weihnachten habe ich das Gefühl, den Menschen besonders nahe sein zu können.“ Wo ginge das intensiver als draußen mit einer kleinen Gruppe um eine Feuerschale „wie die Hirten auf dem Feld“. Welche Ausstrahlung ein Gottesdienst unter freiem Himmel haben kann, hat er in Corona-Zeiten schon oft erfahren können, sagt Limberg. „Draußen sind wir manchmal viel näher an der Frohen Botschaft als hinter dicken Kirchenmauern.“

Foto: Markus Thomas
Text: Michael Bönte, Kirche+Leben
2.11.2020